Almabtrieb über den Königssee

Berchtesgadener Land Tourismus GmbH

Oberbayern hatte ich bisher immer nur zwischen Garmisch-Partenkirchen und dem Allgäu bereist. In den östlichen Teil Bayerns bin ich also noch nicht vorgedrungen. Diesen Teil Oberbayerns kannte ich bisher nur aus Erzählungen und Fotos meines Vaters und meiner Großeltern, die das Chiemgauer und Berchtesgadener Land schon in der Nachkriegszeit, das erste Mal 1953, bereist haben. Noch bevor der große Reise-Boom in die Berge begann, Ruhpolding wurde damals zu einer dieser markanten Sehnsuchtsziele vieler Sommerfrischler, bereiste mein Vater mit seinen Eltern, jeder mit einer 125er DKW unter dem Hintern, bereits diese tolle Alpenlandschaft. Daher schwirrte schon länger der Gedanke in meinem Kopf herum diese namhaften Orte wie Reit im Winkl, Ruhpolding, Prien am Chiemsee, Bad Reichenhall und auch Berchtesgaden einmal selbst zu erleben. Aber auch das Salzburger Land, und natürlich auch Salzburg selbst, sollten nicht zu kurz kommen. Aber auch das Salzburger Land, und natürlich auch Salzburg selbst, wollte ich besser kennen lernen. Auf dieses stößt man eigentlich fast automatisch, denn die Wege durch die historischen Gassen der Mozartstadt führen mich irgendwann auch in die Getreidegasse. Sie ist optisch fast eine Verlängerung der Gstättengasse, die mit ihren in den Fels des Mönchsberg eingebauten Wohnhäusern wirklich für Staunen sorgt. Ebenso staunend beobachtete ich wie die Oberleitungsbusse sich durch die engen Torbögen des Klausen- und des Gstättentors zwängen.


Beim Schlendern durch die historischen Einkaufsstraßen fiel mir überaus angenehm auf, daß die Schaufenster in der barocken Altstadt mal nicht ausschließlich mit dem üblichen Ramsch dekoriert sind. Hier kann man auch individuell gestaltete Auslagen und Produkte entdecken. Über die Getreide- und Judengasse erreiche ich schließlich auch den Residenzplatz. Wie die berühmten Mozartkugeln gehören auch die Fiaker in das historische Stadtbild. Sie passen einfach zu der altehrwürdigen Architektur um sie herum. Direkt vor der fürsterzbischöflichen Palastanlage, der alten Residenz, starten die Fiaker zu allen Sehenswürdigkeiten Salzburgs. Ihre Hufklänge hallen durch die alten Gassen, sie scheinen allgegenwärtig zu sein selbst wenn man die Gespanne mal nicht direkt vor Augen hat. Ein Blick von oben auf diese Kulturstadt darf selbstverständlich auch nicht fehlen. Also erkämpfte ich mir mit meinem Fahrrad einen zähen Aufstieg über die Festungsgasse zur Hohensalzburg hinauf. Oben aber kann ich dann recht entspannt zum Mönchsberg hinüber radeln. Erst einmal oben angelangt, bewege ich mich hier nämlich fast durchgehend auf dem gleichen Höhenniveau. So genieße ich beim "Museum der Moderne" einen schönen Blick auf Altstadt und Festungsanlage. Aber auch der Aufstieg hinter der Einkaufsgasse "Linzer Gasse" zum Kapuzinerkloster, den Kapuzinerberg hinauf, wird mit einem sehr schönen Blick auf das Altstadtpanorama mit der Salzburg im Hintergrund belohnt. Von hier oben, gemütlich mit einem Getränk in der Hand, kann ich mir das verrückte Treiben auf den Straßen unter mir anschauen, das hat schon was. Genau unter mir, in der Steingasse, befindet sich übrigens auch das Geburtshaus von Joseph Mohr. Dem Dichter des Liedes "Stille Nacht, heilige Nacht". Auf dieser Uferseite der Salzach flaniert es sich bei Sonnenschein besonders schön, und viele Cafes laden zu einem Päuschen ein.


Doch auch zur Weihnachtszeit vermag ganz Salzburg zu verzaubern. Man taucht nicht erst auf dem Salzburger Christkindlmarkt in ein bezauberndes Lichtermeer ein, nein, überall scheint es zu funkeln und glitzern. Man wandert durch diverse Toreinfahrten, umrundet immer wieder altehrwürdige Architektur, und überall wird man begleitet von betörenden Weihnachtsdüften und vielen Leckereien. Auf dem Mozartplatz stößt man schließlich auf eine kleine Schlittschuhbahn mit buntgemischtem Publikum. Menschen jeden Alters und jeder Nationalität scheinen hierbei viel Spaß zu haben. Eltern, die Ihren Kindern beim Schlittschuhlaufen zuschauen, links neben mir höre ich spanisch, rechts neben mir englisch. Ich kann vom Akzent her noch Niederländer und Skandinavier ausmachen, und natürlich fehlen auch die im "Gleichschritt marsch" vorbeischreitenden Chinesen nicht. Wer von weihnachtlicher Atmosphäre einfach nicht genug bekommen kann, dem sei auch der Weihnachtsmarkt auf Schloß Hellbrunn empfohlen. Hier taucht man noch einmal tiefer in eine einzigartige Weihnachtstraumwelt ein.


Doch auch über die Stadt Salzburg hinaus geht diese Tradition weiter. So wäre nur wenige Kilometer nordwärts die Salzach hinauf auch Oberndorf zu erwähnen, wo die berühmte "Stille Nacht Kapelle" steht. Hier komme ich wieder auf Joseph Mohr zurück, dessen Lied "Stille Nacht, heilige Nacht" in dieser Kapelle seine Uraufführung erlebte. Im gleichnamigen Museum, gleich nebenan, gibt es zu jedem Weihnachtsfest verschiedene speziell gestaltete Briefmarken zu kaufen, die mit einem tagesaktuellem Stempel versehen ein nettes Andecken darstellen. Aber auch die grandiose Kulisse des Wolfgangsees im Salzkammergut, knapp 30km östlich von Salzburg, stellt besonders zu Weihnachten noch einmal einen ganz eigenen Reiz dar. Sei es die einer Kerzenlicht Laterne nachempfundene riesige schwimmende Friedenslichtlaterne, die schwimmend vor dem berühmten Hotel "Im weißen Rößl" in St. Wolfgang steht, die aber schon auf der Fahrt nach St. Wolfgang weithin über den See sichtbar ist. Zuguterletzt komme ich zu dem Resümee, daß ein einziger Tag, allein für die Stadt Salzburg, nicht ausreicht um den angenehmen Lifestyle dieser Region richtig zu erfassen. Und auch für die vielen Sehenswürdigkeiten sollte man doch ein bißchen mehr Zeit einplanen. Mir hat es jedenfalls besonders viel Spaß gemacht die Stadt und das ihr umgebende Landleben mit dem Fahrrad zu erkunden.





Die Familie Mozart lebte von 1747 bis 1773 in diesem Haus Getreidegasse Nr. 9. Hier wurde auch ihr Sohn Wolfgang Amadeus am 27. Januar 1756 geboren. Heute ist die Wohnung der Familie Mozart ein Museum wo berühmte Ausstellungsstücke gezeigt werden. Man kann hier unter anderem seine Kindergeige sehen, außerdem seine Konzertgeige, sein Clavichord, das Hammerklavier, Portraits und Briefe der Familie Mozart. Insgesamt 26 Jahre lang wohnte die Familie Mozart im dritten Stock des "Hagenauer Hauses". Eröffnet wurde das Museum bereits am 15. Juni 1880 von der Internationalen Mozart-Stiftung.

Bereits als Sechsjähriger wurde der "Knabe" Wolfgang Amadeus Mozart von seinem Vater in den Metropolen Wien und München als Wunderkind präsentiert. Er spielte Cembalo, improvisierte und komponierte. Mozarts Vater Leopold bereitete Wolfgang und seine Schwester Maria Anna gezielt auf eine Musikerkarriere vor. Sie reisten gemeinsam nach Paris, Den Haag, durch Deutschland und Italien, wo sie öffentlich konzertierten.





Dann aber gings weiter in den Chiemgau. Hier wollte ich so ganz nebenbei auch noch eine etwas spleenige Idee in meinen Reiseplan mit einbauen. Ich empfand es als sehr spannend die Fotomotive und Aufnahmeorte meines Vaters und meines Großvaters aus den 50er Jahren wiederzuentdecken. Ich versuchte also möglichst die gleichen Fotoperspektiven von damals wieder zu finden um sie erneut zu fotografieren und die Fotos dann von damals und heute gegenüber zu stellen. Aber es reizte mich natürlich auch einfach mal mit eigenen Augen zu sehen wie sich das Landschaftsbild heute darstellt, bzw. verändert hat. Und ehrlich gesagt war ich doch überrascht gewesen wie wenig sich an manchen Orten verändert hat, während ich wiederum bei anderen Ortsmotiven doch etwas traurig auf die alten Fotos schaute, die ich als DIN A4-Ausdruck immer bei mir trug. Der Straßenverlauf ist zwar oft nahezu gleich geblieben doch der Verkehr hat arg zugenommen. Denn aus damaligen Sandwegen sind jetzt geteerte Hauptstraßen geworden, die gerne als Rennstrecke genutzt werden. Hier kommen nun einige Beispiele:





Im Chiemgau entdecke ich eine sehr abwechslungsreiche Landschaft. Wenn dazu noch die Sonne aus einem blau-bayerischen Himmel strahlt, dann ist alles noch mal so schön, dann beginnen die Farben erst so richtig zu leuchten. Vor allem wenn der Tag erwacht und die Sonne langsam den Nebel in den Bergtälern vertreibt ergeben sich atemberaubende Lichtspiele in den Bergen.





Das leuchtende Grün der Wiesen, die vielen Grautöne der Bergmassive, das grasende Vieh als Kontrastpunkte auf den sehr steilen Hangwiesen, und die wunderschön gestalteten Blumenarrangements auf den Balkons der Bauern- und Landhäuser kommen mit dem Sonnenlicht besonders farbenfroh zur Geltung und strahlen mit der Landschaft um die Wette. Hier habe ich mich auch in die Kühe verliebt. Kühe sind die natürlichsten Mähmaschinen. Ich sehe sie eigentlich ausschließlich Gräser zupfen und mampfen. Damit können sie sich den ganzen Tag beschäftigen.





Sie haben dabei so eine Ruhe weg, die scheint wohl auch auf mich über zu gehen. Kann man einer Kuh eigentlich irgend etwas Schlechtes nachsagen, sie sind wirklich treue Seelen. Auch die Bauern lassen auf ihre Kühe nichts kommen. "Wenn ma' sagt, 'du dumme Kuh', dann is des a ganz falscher Ausdruck. Die Viecha sind g'scheid und sensibel".





Hier im Chiemgau scheinen die Uhren überall etwas langsamer zu gehen. Und ich fange selbst an alles etwas mit mehr innerer Ruhe zu beobachten und lasse das Landleben einfach auf mich wirken.





Dazu kommen diese unvergleichlichen und atemberaubenden Weitsichten, hier z.B. auf den Chiemsee oder in der Landschaft der Hochgebirgsstauseen von Kaprun, die meine Sinne immer wieder berauschen.





Schon vor der Ortschaft Ramsau, ich bin auf der Alpenstraße aus Richtung Inzell kommend unterwegs, erwartet mich ein atemberaubender Blick in eine Bilderbuchlandschaft. Ein pulsierendes Gefühl der Vorfreude erfüllt mich bei dieser grandiosen Aussicht in diese farbenfrohen Bergtäler. In Ramsau angekommen brauche ich gar nicht lange nach dem berühmten Postkartenmotiv zu suchen. Es ist das Motiv mit der Brücke über der Ramsauer Ache, der Pfarrkirche St. Sebastian und der Reiter Alpe im Hintergrund. Denn besagte Brücke ist meist gut frequentiert um für ein schönes Erinnerungsfoto herzuhalten. Ob mein Interesse für Berchtesgaden auch ein bißchen durch seine Geschichte während des Nationalsozialismus genährt wird? Vielleicht spielt das tatsächlich unterschwellig ein bißchen mit. Der Obersalzberg und das Kehlsteinhaus sind ja Begriffe, die in den Medien immer wieder mal auftauchen. Falls es sich ergeben sollte, werde ich sicherlich auch diese Plätze einmal erkunden. Doch es sind in erster Linie die Atmosphäre dieser Landschaft, die ich aufsaugen möchte. und natürlich der Königssee mit seiner berühmten Wallfahrtskapelle Sankt Bartholomä die ich von den alten Fotos meines Vaters und Großvaters kenne. Über das ganze Jahr verteilt werden hier eine Menge Bräuche gefeiert über die man als Städter nur staunen kann, die man aber ebenfalls lieb gewinnen kann. So zum Beispiel das Maibaumaufstellen, das in den vielen bayerischen Regionen sehr unterschiedlich zelebriert wird. Im Vergleich zum Chiemgau bleibt der Baum im Berchtesgadener Land eher schmucklos, also ziemlich kahl. Bewundernde Blicke der hübschen Madels sind den Burschen beim Aufrichten des Baumes aber immer gewiß.





Maibaum-Aufstellen beim Kohlhiasl - Berchtesgadener Tourismuszentrale

Ein Ereignis der besonderen Art stellt das seit 2013 wieder regelmäßig stattfindende Roßfeldrennen auf der Roßfeldstraße dar. Bereits zwischen 1925 und 1928 fanden auf der steilen Strecke von Berchtesgaden zum Obersalzberg Bergrennen mit Motorrädern und Automobilen statt. Auch Hans Stuck, der Vater von Hans-Joachim Stuck, fuhr bereits zur Geburtsstunde dieser Strecke mit. Mit der Energiekrise kam 1973 das vorläufige Aus für das Bergrennen und damit auch für eine der größten Zuschauerattraktionen in Berchtesgaden. Die Veranstaltung "Internationaler Edelweiß-Bergpreis Roßfeld Berchtesgaden" war nicht zuletzt dank der hervorragenden Organisation für alle Beteiligten ein großer Erfolg.





Alle Fahrer mußten sich am ersten Tag dieser Veranstaltung zur Anmeldung und technischen Kontrolle begeben. Erst dann erhielt der Fahrer den begehrten Veranstaltungsaufkleber und seine Startnummer. Doch nicht jeder erhielt diese Aufkleber sofort. Ganz besonderes Augenmerk galt dem Licht, daß mußte einwandfrei funktionieren, und da haperte es bei einigen. Sie mußten also zusehen, daß sie dieses Malheur behoben bekommen. Auch die Start-Nummer muß sichtbar am Auto prangen, der exzellent geplegte Bugatti T51 von Fahrer Heinz Vogl erhielt die Nummer 2. War das Anmeldeprozedere endlich überstanden konnte es hoch in's Berchtesgadener Zentrum zum allgemeinen Bestaunen lassen. Doch für den schmucken Bugatti ging es zur Sicherheit vorher noch mal an die Zapfsäule.





Unermüdlich gab Walter Röhrl, der wieder die Rolle des Botschafters übernommen hat, Autogramme und ließ die unzähligen Fotowünsche gelassen über sich ergehen. Selbst Motorsportfans ließen es sich nicht nehmen Ihr eigenes Gefährt vom Meister persönlich unterschreiben zu lassen.





Auch Peter Ramsauer, der Schirmherr dieser Renntage, genoß sichtlich die gemütliche Fahrt mit dem Mercedes-Kleinbus vom Typ 0319 aus den 50er Jahren. Erstaunt über das angenehme Reisen mit diesem Bus sagte er ganz gerührt "Das waren mal ganz moderne Busse!". Auch der Blick durch die Heckscheiben dieser alten Busse offenbarten diese Zeitreise-Illusion perfekt. Und mancher Fahrgast staunte nicht schlecht über den Komfort und den tollen Ausblick aus den Panoramafenstern dieser mitunter 50 Jahre alten Oldtimerbusse. Diese alten Transportmittel haben noch echten Charme den man bei der heutigen Sachlichkeit doch arg vermisst.





Ich hatte die Ehre mit dem ehemaligen Rennfahrer Eberhard Mahle einmal die gesamte Rennstrecke auf dem Roßfeld in seinem Museumsporsche mitfahren zu dürfen. Ein rasantes Erlebnis, denn mit über 100km/h in die Kurven zu fahren das hat mich schon beeindruckt.

Das i-Tüpfelchen meiner Reise sollte dieser berühmte Viehtrieb über den Königssee sein den die Almbauern jedes Jahr Anfang Mai und etwa zwischen Mitte September/Anfang Oktober bestreiten. Das ist eines der touristischen Höhepunkte im Berchtesgadener Land, denn nur hier führt der Viehtrieb übers Wasser.





Beginnen tut natürlich alles erst einmal mit dem Auftrieb im Frühjahr. Daß heißt, die ganze Alm wird auf Vordermann gebracht. Über das ganze Winterhalbjahr (Oktober - Mai) ist die Almhütte regelrecht verwaist. Oftmals schafft es die Sonne in den Wintermonaten kaum über den Gebirgskamm hinweg bis zur Alm vorzudringen. Sich also in dieser Zeit auf einer Alm aufzuhalten wäre sicherlich recht ungemütlich und lichtkarg. Für die Almsennerin muß nun einiges vorbereitet werden, sie wird hier immerhin gut 5 Monate ununterbrochen alleine zurecht kommen müssen. Von Mai bis in den Oktober hinein bleiben die Kühe in ihrer Obhut. Neben den Eigenerzeugnissen wie Milch und Käse die üblicherweise direkt auf der Alm produziert werden, sollen die vielen Wandersleute auch auf Getränke wie Bier und Sprudel nicht verzichten müssen. Klar, auch ein Gebirgsenzian darf da nicht fehlen.





Die ganze Landschaft, wie hier am Obersee, liegt jetzt noch sanft und von einer sagenhaft stoischen Ruhe umgeben vor mir ausgebreitet. Es ist in so einem Moment kaum vorstellbar was hier los ist sobald die Saison ab dem 1.Mai eröffnet wird.



Die Almsaison auf der Salet beginnt - Berchtesgadener Tourismuszentrale



Heute ist der 6.Oktober, der Almsommer ist beendet und das liebe Vieh muß von den Nationalpark-Almen wieder zurück in die Anbindeställe ins Tal gebracht werden. Es verspricht für den heutigen Tag wieder einmal Kaiserwetter im König Ludwig-Land zu geben. Doch jetzt am frühen Morgen, es ist 7:30Uhr, liegt der Nebel noch wie eine Daunendecke über dem See. Es ist diese typische Morgenfrische die mir in den Nacken zieht und den Kragen weit nach oben ziehen läßt. Mit Booten fahren wir raus zur Anlegestelle "Salet" nahe der "Saletalm". Es ist ein erhabenes Gefühl in dieser Naturgallery umrahmt von der alpinen Bergwelt des Berchtesgadener Nationalparks über den Königssee zu gleiten. Wie von Zauberhand trapiert erscheint hier alles majestätisch schön. Der Satz: "Hier scheint die Welt noch in Ordnung" - hier wird er in mir lebendig. Vielleicht ist es gerade diese besondere Stille, die so viele Menschen Jahr für Jahr an den Königssee zieht. Wir lassen Hektik und Lärm an Land zurück und tauchen in ein imaginäres Zwischenreich ein. Vorbei geht's an der bekannten Echowand und auch die Kapelle Sankt Bartholomä kann ich von hier schon als nadelkopfgroßen Punkt ausmachen. Die Elemente Wasser, Berge und Himmel präsentieren sich hier zu einer wahren Sinfonie für die Sinne. Ich wäre nicht abgeneigt zu glauben, der Bayernkönig Ludwig II. persönlich hat diese Kulisse bauen lassen. Etwa ab der berühmten St. Bartholomä kommt das letzte Drittel unserer Strecke. Die Anlegestelle "Salet" ist unser Ziel. Sie liegt genau am anderen Ende des Königssees. Da der Königssee nicht umgehbar ist, muß das Vieh der Almbauern hier an der "Saletalm" mit Booten übergebracht werden. Im 19.Jahrhundert wurde das Vieh noch über den Königssee gerudert. Doch schon seit 100 Jahren bringt sie der sanfte Schub von Motoren auf sogenannten Landauern (Transportschiffe mit ebenem Boden und flachem Zustieg) in einer einstündigen Fahrt von der "Salet" zur Promenade nach Schönau am Königssee. Etwa 8-10 Kühe können auf ein Boot und müssen, ähnlich wie Container auf den Containerschiffen, gut über die gesamte Bootsfläche verteilt werden, damit es nicht zu einer Seite wegkippt. Nur widerwillig lassen sich die Kühe auf die Boote bewegen, auch sie scheinen zu spüren, daß sie der Sommerfrische adé sagen müssen.





In diesem Fall sind es die Kühe der Bauernfamilie Leitner, die diesen aufwendigen Almabtrieb von der Fischunkelalm bestreiten müssen. Allerdings wird der Almabtrieb hier bei den Berchtesgadener Bauern nicht mit so viel Pomp zelebriert wie anderswo. Stattdessen wird hier das traditionelle Brauchtum hoch gehalten, hier stehen die Tiere und die Familie im Vordergrund.





Als unser Boot anlegt sind auch schon die Viehtreiber mit ihren Kühen im Anmarsch. Auch die auf der Alm neugeborenen Kälber sind dabei. Und die sind natürlich sehr aufgeregt, denn die kennen diese ganze Prozedur noch nicht. Plötzlich erblicke ich eine junge Sennerin ganz in ihren Gedanken versunken, die mit ihrem Dirndl und ihrer Physiognomie in meiner romantisierenden Vorstellung von einer bayerischen Almsennerin einfach perfekt in diese malerische Landschaftskulisse paßt.





Wie alle anderen Treiber hat auch sie die Kühe von der Fischunkelalm bis hier zur Salet am Königssee getrieben. Sie heißt Christina Frangen und ist Bäuerin mit Leib und Seele, wie sie selber sagt. Auf dem heimischen Ulmen-Hof in der Vulkaneifel, den ihre Eltern und die Familie ihrer Schwester gemeinsam bewirtschaften, hilft sie immer mal wieder mit aus. Es ist ein kleiner Milchviehbetrieb mit einer eigenen Käseproduktion. Die naturverbundene, bäuerliche Landwirtschaft entspricht ihrer Ideologie. Schon sehr früh ist in ihr der Wunsch gekeimt einmal als Sennerin auf einer Alm zu arbeiten. Vor allem das einfache und ursprüngliche Leben hat sie dabei besonders gereizt. Und so erfahre ich von ihr eine spannende Geschichte:


In diesem Jahr hat sie sich einen Kindheitstraum erfüllt. Durch ihre Eltern, die begeisterte Bergsteiger sind, hat sie wohl die Liebe zu den Bergen mit in die Wiege gelegt bekommen. Einen ganzen Sommer auf einer Alm erscheint uns Stadtmenschen vielleicht romantisch und unbeschwert, eben wie ein Leben in einem Heimatfilm. Es ist aber wirklich harte Arbeit und nicht immer lustig, hier wartete ein Knochenjob auf Christina. Nicht nur die Tiere wollen versorgt sein, nein, auch Horden von Touristen verlangen nach Speis und Trank. Die 24jährige zieht also von Ende Mai bis zum Oktober als Sennerin auf die Fischunkelalm. Die nur in den Sommermonaten bewirtschaftete Almhütte liegt am Obersee auf 620 Metern Höhe und ist ein beliebtes Ausflugsziel von Touristen und Wanderfreunden nach einer Königsseeschifffahrt, aber auch Wanderern, die hier ein Zwischenstation einlegen und dann meist zum Steinernen Meer weiter wandern. Eingebettet in einer beeindruckenden Gebirgslandschaft im Herzen des Nationalparks Berchtesgaden ist es hier aber auch abgeschieden und einsam. Oberhalb der Fischunkelalm befindet sich der Röthbachfall, mit 400m ist er der höchste Wasserfall Deutschlands. Der Almsommer beginnt hier wenn die Sonne den Schnee besiegt hat, dann geht's im Berchtesgadener Land für viele Sennerinnen und Senner hoch hinauf. Auch Christina wird pünktlich zum Almauftrieb in Berchtesgaden erwartet. Bis zur letzten Minute mußte sie aber auch noch auf dem heimischen Hof kräftig mit anpacken. Auch wenn Ihre Mitarbeit für ihre Familie besonders zur Erntezeit stark vermißt wird, stand diese voll und ganz hinter ihrer Entscheidung. Trotzdem werden Christina's Gedanken in manchen Momenten bei ihrer Familie sein, ob die in den nächsten Monaten auch ohne sie klar kommen werden?

Frühmorgens am Königssee, im hintersten Winkel von Bayern, fast an der österreichischen Grenze, beginnt für sie eine neue Zeit. Erst wenige Stunden zuvor, am Vorabend des Almauftriebes hatte Christina die Bauernfamilie Leitner aus Berchtesgaden, für die sie die Alm bewirtschaften wird, kennen gelernt. Und natürlich die insgesamt 15 Kühe. Sie wird nicht ganz allein sein da oben, auch die Mutter des Bauern, die 74jährige Cathi, wird mit anpacken. Die Bootsfahrt über den Königssee ist für sie ein berauschend schöner Moment, auch für sie das erste Mal. Gleich nach Ankunft an der "Salet" muß sie die Kühe in Schach halten können, bis auch die zweite Fuhre überführt ist. Vor dem Stier hat sie ein bißchen Respekt, ". . . der guckt schon ein bißchen böse". Seinen Blick kann sie noch nicht so richtig einschätzen. Der Bauer gibt ihr den Tipp immer einen Stock dabei zu haben um sich den nötigen Respekt zu verschaffen damit die Rindviecher wissen wer der Chef ist. Dann geht es zum Obersee und weiter auf sehr unwegsamen Steigen an ihm entlang während die Fischunkelalm dabei durchgehend in Sichtweite ist. Die geländegängigen Pinzgauer, eine besondere Rinderrasse, wie gemacht für die Bergwelt, scheinen mit den Trampelpfaden aber keinerlei Probleme zu haben. "Ich glaube, ich habe mir hier wirklich ein schönes Paradies ausgesucht. Schöner kann ich es mir gar nicht vorstellen." Heute, an ihrem ersten Tag ist noch die ganze bayerische Großfamilie dabei. Und auch morgen ist der Herr Leitner noch mit vor Ort, zum Einarbeiten. Nach dem langen Winter gibt es doch noch einiges zu richten. Danach aber wird Christina mit der Austragsbäuerin Cathi alleine hier oben sein. Ihr werdet nun fragen, was ist denn eine Austragsbäuerin. Eine Austragsbäuerin ist eine nicht mehr aktive Landwirtin eines Bauernhofes. Sie hat ihr Bauernhaus und den Hof an die jüngere Generation übergeben, also an ihre Kinder oder auch Enkel. Meist wohnt sie weiterhin auf dem Hof, aber in einem Nebenhaus. Es gibt einen sogenannten Generationenvertag, dort wird in einem Hofübergabeprotokoll genau festgehalten ob und wieviel die jetzigen Landwirte an Austrag, eine Art Rente innerhalb der Familie, an die ehemalige Landwirtin zu zahlen haben. Oder ob vielleicht alles mit Kost und Logis abgegolten ist. So ist der Begriff "Austragsbäuerin" entstanden. Daß der Almsommer für Christiane keine erholsame Auszeit sein wird, das bekommt sie schon gleich an ihrem ersten Tag zu spüren. "Da muss ich durch - aufgeben ist nicht", war ihr von Anfang an klar. Sie muß sich vieles erklären lassen, aber auch zeigen was sie von Landwirtschaft versteht. "Wenn da bloß ned des baorisch war . . ."

Am Nachmittag kann sie mit Familie Leitner endlich ein wenig verschnaufen. Doch schon am nächsten Tag, früh morgens um fünf, wenn es noch so wunderbar ruhig rund um die Fischunkelalm ist, muß sie ihre Kühe einsammeln, sie melken, die Kälber tränken und sie dann zu den Wiesen unterhalb des Röthbachfall treiben. Das Wasser stürzt hier beinahe senkrecht nach unten. Hier bleiben die Tiere bis zum Abend. Danach muß der Stall gesäubert werden, und vor dem Frühstück ist auch die Herstellung von Käse und Butter noch dran. "Am schönsten ist die morgendliche Ruhe beim Kühe treiben in diser beeindruckenden Landschaft und die wunderschönen Sonnenaufgänge am Watzmann." Das sind für sie schon besondere Momente, die sie sehr genießt, "... da bin ich nur mit meinen Kühen". Der Bauer ist zufrieden mit ihr, er sieht, daß sie ihr Handwerk versteht. In einer Landschaft, die von einem Maler gestaltet sein könnte, heißt es zu jeder Zeit: erst die Tiere, dann die Menschen, das ist Gesetz hier. Nach etwa drei Stunden kann sie dann selbst an ein Frühstück denken. Wie war das eigentlich mit dem eigenen Essen, habe ich sie gefragt. "Hast Du und die Cathi etwa auch nur Eure eigenen geschmierten Butterbrote gegessen und mit der selbstgemolkenen Milch hinunter gespült?" Nein, sie werden täglich mit dem Boot von Bauer Leitner mit frischen Lebensmitteln versorgt. So war ihr Speiseplan doch recht abwechslungsreich. Außerdem gibt es auf ihrer Alm einen kleinen Garten für frischem Salat. Schon eine Stunde später, so ab 10 Uhr, kommen die ersten Touristen. Wie groß der Ansturm an einem Tag sein wird das hängt sehr von den jeweiligen Wetterverhältnissen ab. Jetzt ist für Christina "Dirndl-Zeit" angesagt. Schon am ersten Öffnungstag, das Wetter ist prächtig, sind eine ganze Menge Wandersleut unterwegs. An manchen Tagen in der Saison kommen bis zu 800 Touristen und Wanderer aus aller Welt. Ein Wanderer erlebt hier viel Natur. Auf den Almen wird er aber nicht nur mit traumhaften Ausblicken in dieser unberührten Naturoase belohnt, hier kann er sich auch auf leckere frische Almmilch freuen oder sich mit einer Brotzeit und einem Bier für die anschließende Bergtour stärken. Im hinteren Teil der Almhütte werden die Brote angerichtet - vorne am "Gatterl" muss Christina ran und die Gäste bedienen.



Foto-Collage mit Bildern des SWR-Filmteams, das Christina auf ihrem Alm-Abenteuer begleitet hat.





Der Fahrplan der Königsseeflotte bestimmt ihren Tageseinsatz. Bei schönem Wetter ist Christina hinter ihrer spartanischen Verkaufstheke stark gefordert, sie serviert fast im Akkord. Zeit, ein bißchen mit den Wanderern zu ratschen, bleibt so gut wie nie, das ist bei dieser Massenabfertigung einfach nicht möglich. Doch kaum sind die Touristen am späten Nachmittag wieder weg, kehrt hier oben auch wieder der Almfrieden ein und es herrscht eine unbeschreibliche Ruhe. "Da freue ich mich, wenn es am Nachmittag einfach nur vorbei ist und wieder Ruhe einkehrt." Solche Momente entschädigen für den ganzen Streß. Zumindest dann, wenn auch das Wetter mitspielt. Doch darauf kann man sich hier in den Bergen nie verlassen. Es bleibt ihr nach dieser kräftezehrenden Bewirtschaftung nur wenig Muße um diese ihr umgebene Postkarten-Idylle genießen können, denn nun ist wieder das liebe Vieh an der Reihe. Vorher muß aber noch das Feuer für die Käseproduktion angefacht werden. 2 bis 3 Stunden dauert es, bis aus dem Milchbruch im Kessel über dem offenen Feuer der sogenannte Schüsselkas wird. Schon immer war ein Almtag lang und anstrengend, schon immer mußte alles per Hand gemacht werden. Noch vor 50 Jahren gab es weder Strom noch Licht im Kaser. Jetzt muss Christina aber endlich die Kühe holen, denn es wird schnell dunkel im Nationalpark. Und die Kühe verteilen sich hier oben gerne weiträumig. Das kann dauern.

Doch Hauptsache die 7 Milchkühe sind dabei, denn jeder Liter Milch wird gebraucht. Es ist das kostbarste Gut hier auf der Alm. Sie zählt die Kühe, nach einer muß sie noch Ausschau halten. Alle ihre Kühe haben einen Namen und schließlich hat sie auch "Edelweiß" entdeckt. Die hat sich weit nach oben abgesetzt. Seit 5 Uhr morgens ist Christina nun schon auf den Beinen. Jetzt nur noch den Käse machen, den Schüsselkas für die Touristen. Das ist ein Magerkäse, eine ganz besondere Spezialität im Berchtesgadener Land. Dazu wird die Milch im Kessel erhitzt, mit Lab versetzt und der so entstandene Käsebruch umgerührt. Dann wird die Masse mit einem großen Tuch heraus gefischt und in eine Form gepreßt. Bei diesem Pressen tritt die Molke heraus. "Den selbst g'machten Kas, den gibt's nur auf der Alm. Aufs Butterbrot is' des was guats" könnte ich eine Sennerin jetzt sagen hören. Jetzt, nach mehr als 13 Stunden auf den Beinen kann Christina auch mal entspannen und diesen wunderbaren Ort genießen. Wie lebt es sich als Sennerin auf einer Alm? Die Fischunkelalm ist recht groß und Christina und Cathi haben jeweils ihr eigenes Zimmer, die auch sehr gemütlich sind. Nach einem arbeitsreichen Tag kann Christina abends immer sehr gut einschlafen. Vor allem die Kuhglocken, die immer irgendwo läuten haben ihr das Einschlafen erleichtert.

Der Juli ist etwas deprimierend, es regnet wochenlang. Zu dieser Zeit hat sie nicht nur die Berge wie 4 Wände um sich herum gefühlt, nein, auch die (Wolken-) Decke schien ihr zusätzlich auf den Kopf zu fallen. Das hätte sie selbst nicht gedacht, daß ihr das so zusetzen könnte. Trotzdem hat sie keinen einzigen Tag bereut. Mitte August ist dann Hochsaison auf der Fischunkelalm. Ganze Horden von Wanderern wollen die leckeren Brote und was zu trinken. Der Besucherstrom reißt gar nicht mehr ab. Besonders die Asiaten sind ganz heiß auf frisch gemolkene Kuhmilch, obwohl die ihnen meistens gar nicht bekommt. Christina ist richtig im Streß, obwohl Cathis Mann und die Enkel an einem dieser Tage sogar mithelfen. Doch es gibt auch immer wieder mal was zu schmunzeln - als z.B. eine Stadtmutti ihr Fläschchen fürs Baby an Christina überreicht mit der Bitte ob sie die nicht mal kurz in die Mikrowelle stellen könnte.

Und schließlich kommt Christinas letzter Tag auf der Fischunkelalm. Kühl ist es geworden, die Sonne ist jetzt ab 13 Uhr hinter den Bergen verschwunden. Trotz Almabtrieb am nächsten Tag ist alles wie immer. Viele Wanderer, viel Arbeit. Die letzten Wochen haben ihre ganze Kraft in Anspruch genommen. Der Abend vor dem entscheidenden Tag, als die Besucher weg und die Kühe gemolken sind, kann Christina die Alm noch ein letztes Mal ganz für sich in aller Ruhe genießen. Der heutige Tag, ihr letzter Tag, schon am frühen Morgen um 4 Uhr ist die Nacht für sie vorbei. Nun heißt es endgültig "ade Almsommer". Der Almabtrieb läutet gleichzeitig das Saisonende der Fischunkelalm ein und so sind auch wieder Bauer Hans Leitner und seine Treiber vor Ort. Bevor der Almabtrieb aber so richtig los geht, bekommt jede Kuh noch eine ganz besondere Glocke um den Hals. Dieser Brauch und auch die Glocken werden in den Familien seit jeher immer an die nächste Generation weitergegeben. Von ihren Eltern bekam Christina eine eigene Glocke geschenkt, extra für den großen Tag und ihrer ganz besonderen, ans Herz gewachsene Kuh "Wanda".





Die älteren Kühe wissen instinktiv wo es nun wieder hingeht und scheinen wenig erfreut. Bis zur Verladestation Salet am Königssee müssen die 15 Kühe zunächst wieder über die schwierig begehbaren Steige und Trampelpfade getrieben werden. Die Kühe beisammen zu halten kostet allen einige Mühe. Und es wird noch schwieriger sie auf die sogenannten Landauer zu bekommen. Und dann sind da auch noch diese ungeliebten Pressemenschen, die den Kühen nicht ganz geheuer scheinen mit ihren vielen komischen Apparaten vor den Köpfen. Schreckhaft nehmen sie Reißaus und müssen dann mühsam wieder eingefangen werden. Auch Christina rennt los und versucht im unwegsamen Gelände die Kühen in die Richtung zur Anlegestelle zu bewegen. Doch nach und nach schaffen sie jede Kuh auf das Boot.





Jetzt nur noch sicher über den Königssee kommen. So treten die Kühe und ihre Sennerin die Bootsfahrt inmitten dieser wunderschönen Landschaft an. Das noch ein letztes Mal bewußt genießen. Das Wasser ist kristallklar, in Ufernähe kann man bis auf den Grund sehen, und alles um uns herum atmet in einem kraftvollen dunkelgrün. Es ist die letzte Etappe - dann ist der Almsommer geschafft. Leicht fällt Christina der Abschied nicht.





Erst wenn jedes Tier die Anlegestelle "Seelände" heil erreicht hat und wieder Boden unter den Hufen hat, erst dann ist der Almsommer glücklich verlaufen. Und das berühmte "Aufkranzen" darf beginnen, die Tiere werden geschmückt. Schon seit dem 24. August, dem Bartholomäus-Tag, wird traditionell mit dem Binden der "Fuikln" begonnen. Es sind der traditionelle Kopf- oder Königsschmuck mit dem jede Kuh verziert wird, die Fuikl und der Latsch'n Boschn. Eine Fuikl ist die buntere und aufwendigere der beiden Kopfschmuck-Varianten. Dabei werden gebogene Tannen- und Fichtenzweige kunstvoll zu mehreren kugelförmigen Kronen gebunden und aufwändig mit unzähligen, handgearbeiteten Rosen und Sternen aus gefärbten Schaberbandln (Holzspänen) verziert. Für eine Fuikl können schon mal bis zu 60 Arbeitsstunden aufgewendet werden. Ein Latsch'n Boschn, ein Latschenkiefernzweig, kommt mit weit weniger Rosen und Sternen daher und wird eher für die Jungtiere gewählt.





Das Vieh darf zum Almabtrieb aber nur dann festlich geschmückt werden, wenn kein "Unreim", also kein Unglück geschehen ist. Sollte einem Bauern einmal ein totes Kalb auf der Alm geboren sein, oder ist ein Familienmitglied verstorben, dann ist nichts mehr mit Schmücken.





Und endlich kommt auch die letzte der beiden Furen, zusammen mit der Sennerin Christina heil auf die Königsseer Promenade zugefahren. Menschen und Tiere, alle haben den Almsommer, Gott sei Dank, heil überstanden. Christina ist über die vielen Touristen, die schon gebannt auf das Schmücken der Viecher warten, sichtlich irritiert. Die Einsamkeit in den Bergen hat schon prägende Züge hinterlassen. Sogar ihre Eltern sind extra aus der Eifel gekommen und erwarten sie schon sehnsüchtig. Nun können sie sich endlich herzlich in die Arme nehmen und Christina wird es langsam bewußt, der Almsommer ist endgültig geschafft. In diesem Moment sind die ganzen Strapazen und Entbehrungen der letzten Monate wie weggeblasen. Da ist schon Freude auf daheim, doch auch der Abschied tut ihr ein bißchen weh. Da kommt schon etwas Wehmut in ihr auf. Die vielen tollen und einmaligen Naturerlebnisse mit ihren unvorhersehbaren Wetterereignissen werden ihr eine schöne Erinnerung bleiben. Die Sonne hat den Morgennebel endlich bezwungen und es kommt das angekündigte Kaiserwetter mit einem tiefblauen Himmel zum Vorschein. Nun strahlen auch die Fuikl auf den Köpfen der Kühe in den allerschönsten Farben.





"Ich bin stolz meine geschmückte Herde nach Hause führen zu dürfen. Nach 4 Monaten sind mir die Tiere doch sehr ans Herz gewachsen." Unter dem eindrucksvollen Geläut der großen Kuhglocken, die wie Festtagsglocken den Sommer verabschieden, verlassen nun die Kühe mit der Sennerin voran und den Treibern das Seelände durch die Seestraße, der Einkaufsstraße von Schönau. Es geht dann noch ein ganzes Stückchen weiter über die Landstraße bis zum Leitnerischen Hof. Dort werden die Tiere ihre Winterpause verbringen.


Hiermit endet das Sommerabenteuer für Christina.





Es gefiel mir zu beobachten mit wieviel Liebe und Respekt die Bauern ihre Kühe behandeln, ihnen liebevoll über die Stirn streicheln. Ich habe anfangs überhaupt nicht bemerkt, daß ein SWR-Fernseh-Team neben mir im Boot saß. Sie haben Christinas "Almtraum" über die 4 Monate sporadisch begleitet, vom Almauftrieb im Mai über die Zeit des größten Ansturms von Wandertouristen bis zum heutigen Almabtrieb. Und daraus ist eine 30minütige Sendung für die SWR Sende-Reihe "Mensch Leute" entstanden.





Die abgelegten Kuhglocken sind nun sogar für mich wie ein Symbol für das Ende eines ereignesreichen Almsommers, der hier im Hintergrund gebührend gefeiert wird. Denn auch für mich gehen jetzt ganz besondere Eindrücke zu Ende. Nachdem sich hier am Königssee das Spektakel allmählich ganz wie der Morgennebel auflöst hat, strömt in mir langsam wieder die Realität ein. Einige Minuten lasse ich dieses schöne Erlebnis noch auf mich wirken und beobachte dabei die Gebirgslandschaft um mich herum. Ich schaue den einzelnen Jennerbahngondeln hinterher und stelle mir vor was für einen tollen Blick ich wohl von da oben haben würde. Auf jeden Fall gibt es viele Möglichkeiten in die Naturschönheiten des Nationalparks von Berchtesgaden zu gelangen und unbeschreibliche Panoramablicke zu genießen.





Am 24. Dezember eines jeden Jahres findet der schöne Brauch der insgesamt 14 Weihnachtsschützenvereine im Berchtesgadener Tal aus den 5 Gemeinden, Schönau, Königssee, Bischofswiesen, Berchtesgaden und Marktschellenberg statt. Pünktlich um 15 Uhr werden die Handfeuerwaffen, Handböller und Schaftböller, aller Schützenvereine geladen und nach folgender Schußabfolge abgeschossen:
3 X schießen alle Schützen gleichzeitig, 3 X der Reihe nach jeder Schütze einzeln, 3 X Schnellfeuern, und zum Schluß wieder 3 X alle gleichzeitig.

Bis zu 175 Schönauer Weihnachtsschützen an der Zahl treffen auf der großen Wiese beim Bodnerlehen ein und rüsten ihre Handfeuerwaffen. Es wird damit das Christkind (das Christkind oba hoin - ich glaube so heißt das hier unter den Einheimischen), auch Christkindlanschießen genannt, und gleichzeitig sollen damit auch die bösen Geister vertrieben werden. Auf jeden Fall wird die Warterei auf das Christkind oder den Weihnachtsmann dadurch sehr viel kurzweiliger. Doch vor allem kommen so noch einmal alle Anwohner zusammen und wünschen sich ein schönes Weihnachtsfest. Ich als Stadtmensch war sehr angetan von diesem Brauch und der guten Stimmung aller Beteiligten.





So sieht es von der Straße aus, wenn um 23:30Uhr das Mettenschießen zur Christmette auf dem Hanauerstein beginnt. Das hatte in früheren Zeiten den Menschen auf dem Lande die Uhrzeit angekündigt, bzw. das es Zeit wird die Mitternachts-Christmette zu besuchen. Auch hier sind es um die 100 Schützen, die sich rund um den Schützenkaser auf dem "Hanauerstoa" aufgestellt haben. Nach der Christmette in der "Maria unterm Stein" (Pfarrei Unterstein) geben die Weisenbläser vor dem Schützenkaser ihr Ständchen bei wunderschönem bengalischem Feuerschein. Und danach sind es dann nur noch die Schönauer Schützen, die in einem etwas verkürzten Schußabfolgeritual ihre Böller abschießen und damit engültig die Nachtruhe einläuten.